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Notausgang

Lesetipp:

Der beeindruckende Bericht einer 18-Jährigen zwischen westlichen Werten und türkischer Familientradition.

Melda Akbas bezweifelt, dass viele Deutsche wissen, was es heißt, ein Migrantenkind zu sein. Vorurteile und Desinteresse bestimmen das Bild. Eloquent und selbstbewusst setzt sie ihre Momentaufnahme dagegen. Ihr Hintergrund: eine Familie von konservativ bis weltoffen, ein bunter Mix aus Köpfen und Haltungen. Sie selbst versucht den Spagat zwischen Respekt vor ihren muslimischen Wurzeln und ihrer Entschlossenheit, sich einzumischen, mitzubauen an einer friedlichen Welt vieler Kulturen und als Frau selbständig zu leben.


Guter Wille, guter Wille ...

Von Kübra Gümüsay

Hatice bügelt, ich falte. Wir ordnen Teile meines Ceyiz, der Aussteuer, die jede türkische Braut von den Eltern mitbekommt, in meinen Schrank ein. Verziertes Bettzeug, handbearbeitete Handtücher, Decken und Kissenbezüge.

"Frag mich: Bist du glücklich? Bin ich nicht", sagt Hatice. Urplötzlich. Sie steht vor dem Bügelbrett und hält inne. Ich bin irritiert. Ich kenne sie nur flüchtig, sie kam heute zu mir, um mir ein wenig im Haushalt zu helfen. Ich sehe, wie ihr eine Träne über die Wange läuft. Sie streicht sie weg. "Weißt du, Kübra, ich habe meine Ceyiz nie benutzt", sagt sie und lächelt mich an.

Hatice ist Mitte vierzig, sie könnte meine Mutter sein. Sie hat traurige Augen, eine leise Stimme und eine herzliche, liebevolle Art. "Warum nicht?", frage ich und lege die Wäsche zur Seite. Sie erzählt. Mit siebzehn Jahren kam sie als Braut aus der Türkei nach Deutschland zu einem Mann, den sie weder kannte noch liebte.

Ihr Vater hatte den Bräutigam ausgesucht, und mit dem Ceyiz im Gepäck hatte er seine Tochter nach Berlin geschickt. Man versicherte ihr, sie hätten ihr dort eine kleine Wohnung fertig eingerichtet. Nur sie fehle noch.

Sie kam in Berlin an und alles fehlte. Es gab nur die Wohnung der Schwiegereltern, darin eine Matratze im Wohnzimmer und eine kleine freigeräumte Ecke im Kleiderschrank. Fünf Jahre lang. Hatices Ceyiz blieb ungeöffnet im Keller. Es gab kein Zimmer, das sie hätte einrichten, kein Bett, das sie hätte beziehen können.

Mit der Geburt des ersten Kindes zogen sie und ihr Mann endlich aus - raus aus der Wohnung, in der ihre Schwiegereltern alles bestimmten und ihr Mann - "er ist ein liebenswürdiger Mensch" - stillschweigend gehorchte.

Heute hat sie drei Kinder. Ihr Ceyiz ist noch immer ungeöffnet. "Es ist doch nie zu spät. Du kannst noch immer Deutsch lernen und deine Ceyiz auspacken", sage ich und schäme mich meiner Unfähigkeit, etwas Sinnvolles zu sagen. "Ich habe keine Lebenslust mehr", entgegnet sie.

Hilflos sehe ich Hatice zu. Ich ärgere mich über all die Menschen, die Fehler machten und die ich doch irgendwie verstehe. Ihren Mann, der aus falsch verstandenem Respekt vor seinen Eltern kuschte; die Schwiegereltern, die in der Fremde um jeden Preis die Familie zusammenhalten wollten, Hatices Vater, der nur das Beste für seine Tochter hoffte.

Nein, guter Wille heilt die schlechte Tat nicht. "Innerlich habe ich ihnen nie vergeben", sagt Hatice. "Aber ich hatte bereits die drei glücklichsten Momente in meinem Leben: die Geburten meiner Kinder. Sie reichen mir auf ewig."

Wie kann das reichen, frage ich mich. Ich kann sie nicht verstehen. In mir brodelt es. Am Abend besuche ich Verwandte in Hamburg. Meine Tante liegt in den Wehen, und als wir in die Klinik kommen, ist das Kind bereits da. Meine Tante liegt erschöpft auf dem Bett und hat noch Schmerzen - aber sie lächelt glücklich. Ihre Augen leuchten. Sie strahlt. Und ich glaube, ich kann ein bisschen verstehen, was das große Glück weniger Momente vermag. Auch wenn es kein Unrecht ungeschehen macht.

Mehr unter www.ein-fremdwoerterbuch.blogspot.com/

Film über Eltern in der Türkei, die sich zu ihren homosexuellen Kindern bekennen.

Die filia – Frauenstiftung förderte 2012 mit Hilfe einer zweckgebundenen Spende die Herstellung eines Dokumentarfilms: Sieben Eltern der Familiengruppe LISTAG in Istanbul erzählen darüber, wie sie ihre Rolle als Eltern von lesbisch, schwul, trans lebenden Menschen sehen und gestalten. Auf der jährlichen Pride-Parade treten sie öffentlich mit eigenen Bannern auf. Die Berlinale 2013 hat den Film leider nicht ausgewählt, doch jetzt hatte er seine Premiere in der Türkei.

Infos zur LISTAG-Gruppe Istanbul gibt es hier.


Hayko Cepkin - Gelin Olmus


Hip-Hop gegen Zwangsheirat

In dem Lied erzählt bzw. rappt Momo alias ESCRIMA über eine wahre Geschichte. Es geht um ein Mädchen, das von ihrer Familie unterdrückt wird und keine Freiheiten hat. Der Vater verbietet ihr zu studieren. Stattdessen soll sie "heiraten und Hausfrau werden". Sie läuft von zu Hause weg ...


Du entscheidest, wen du küsst!


Xavier Naidoo - Wann


BENIM ÇOCUGUM - MY CHILD

BENIM ÇOCUGUM - MY CHILD Trailer from Can Candan on Vimeo.

BENIM ÇOCUGUM - MY CHILD ist eine Dokumentation, in der Eltern von lesbischen, schwulen, bi- und trans-Menschen in der Türkei zu Wort kommen. Sehenswert!


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